Special

John's Tourtagebuch #7

Hallo Fans!

Bähm Bähm! Drei Etappen, zwei Siege. Das ist der absolute Wahnsinn! Mir fehlen fast ein bisschen die Worte, aber nur ein bisschen. Ein großes Dankeschön möchte ich an dieser Stelle den Jungs von Lotto aussprechen, denn ohne ihre beständige Nachführarbeit hätten wir uns auch heute wieder nicht so schonen können wie es nötig war, um im Finale alles zu geben.

Unter uns, wir schicken meistens nur „unseren Chinesen“ nach vorne, damit das ein bisschen so aussieht, als würden wir uns beteiligen und der freut sich, dass er da vorne viel Aufmerksamkeit bekommt. Ist ja auch sehr besonders für ihn, als erster Chinese bei der Tour zu starten.

Zu Beginn der Etappe habe ich mich ein wenig über Marcel Sieberg geärgert, weil er sich in der Neutralisation an den Platz gedrängelt hat, den ich mir vorher ausgeguckt hatte: in der ersten Reihe, direkt hinter dem Kameramotorrad. Aber das ist nun ganz schnell wieder vergessen, denn letztlich kommt es ja auf das Zielfoto an und das haben wir – einfach Wahnsinn!



Während der Etappe selbst lief eigentlich alles recht kontrolliert ab und irgendwann kam Fabian Cancellara zu mir und sagte: „Hey DEGE, ich habe gesehen du machst ein Tourtagebuch mit dem Muax?“. Eine gefühlte halbe Stunde hat er mir damit die Ohren zugetextet. Ich kam gar nicht dazu ihm zu erklären, dass ja alles irgendwie ganz anders ist. Aber ich hatte schon ein bisschen den Eindruck, dass er ein wenig neidisch darauf war, dass der Muax das nicht mit ihm macht. Habe gehört, er soll auch in der engeren Auswahl gewesen sein.

Jedenfalls habe ich mich kurz danach für einen Moment dabei ertappt, wie ich schon ein bisschen stolz war, dass ich vor Canci das Rennen gemacht habe, vor allem im Hinblick auf die Wahl zum Muax-Radsportler des Jahres im Herbst. Paradox, oder?

Rund 20 Kilometer vor Ziel kam er dann doch noch, der berühmte Londoner Regen. Ich kann Euch sagen, ab da wurde es ganz schön rutschig. Das war auch in etwa der Zeitpunkt, wo ich sah, dass einer der Lotto-Fahrer mich nach vorne rief. Da bin ich natürlich direkt hin und habe mich in den Lotto-Zug eingereiht. Ich dachte, es sei vielleicht gar nicht verkehrt, im Hinblick auf die bisher noch ungeklärte Zukunft für unser Team auch zu zeigen, dass ich auch gerne bereit bin, einmal anderswo auszuhelfen. Man kann ja nie wissen, wozu es gut ist.

Aber ich glaube, den Lottos hat das gar nicht so gut gefallen. Das habe ich förmlich gespürt. Auch konnte ich hören, wie hinter mir einer anfing zu singen: „schubidu m'bab mh buh...“. Der soll bloß nicht denken, das hätte ich nicht gehört. Na ja, Etappensieg in der Tasche, da können die soviel singen wie sie wollen.

Zum Abschluss der Etappe – mein Job für Marcel war ja erledigt – habe ich auf den letzten Metern dann nochmal kräftig die Stimmung aufgeheizt und mich mit einer Laola-Welle auf meine ganz persönliche Art bei diesem wahnsinnigen britischen Publikum bedankt, dass sie alle gekommen sind, nur um mich zu sehen. Ich finde, das gehört sich und am liebsten hätte ich jedem einzelnen eigenhändig eine DEGE-Mütze geschenkt. Aber um das zu schaffen, hätte ich heute aus der Tour aussteigen müssen und das geht ja nicht. Denn auch meine französischen Fans warten schon.

So, jetzt geht’s ab aufs Boot und dann rüber nach Frankreich. Also, Blick nach vorne und bloß nicht kotzen.

Bis bald,
DEGE

PS: Mir fällt gerade auf, ich habe heute nicht ein einziges Mal an Laura gedacht. Oh je, das gibt bestimmt wieder Ärger!

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Kurz vor der 101. Tour de France hat Enrico Muax bei der VHS noch einmal einen Schnellkurs in Telepathie belegt und möchte sein aufgefrischtes Wissen nun dazu nutzen, seinen Lesern täglich exklusiv die Gedanken von John Degenkolb aufzuschreiben, die er in langen nächtlichen Séancen auf seinem Balkon einfängt (oder einzufangen glaubt).