Special

Viele blaue Augen

Aus Tournus von Manné Mepris

Tachchen, da bin ick wieder. Mensch Leute, det wird ja hier von Jahr zu Jahr wilder. Ick glaube, lange ist det nüscht mehr für mich, ick bin ja schließlich ooch nich mehr der Jüngste. Aber die Jeschichten, die die Tour ausmachen, die spielen sich nur zu einem janz jeringen Teil auf der Strecke ab und stehen in keiner Zeitung.

Heute Morgen hab ick fünf blaue Augen jezählt. Die beiden von Barredo und Costa dürften Ihnen ja bereits bekannt sein. Weiß der Teufel, was die beiden jestern nach dem Zieleinlauf da jeritten hat.

André Cellule hat mich zwar angefleht die Jeschichte hier nicht zu erzählen, aber ick kann doch nicht meine beste Story unter Verschluß halten. Tut mir leid André, aber det jeht nich!

Vielleicht erinnern Sie sich an seine Jeschichte mit dem Italiener. Die Person, um die es sich dabei handelt, ist Gianni von der Gazetta dello Sport. Gianni ist schon seit Jahren bei der Tour dabei. Ick kenne den ooch ziemlich gut. Mit ihm kann man jede Menge Spaß haben, aber wenn er einmal in Rage ist, ist mit dem nicht jut Kirschen Essen.



Ok, Gianni ist nicht jerade groß und vielleicht auch nicht der schlankeste im Pressezentum, aber als er jestern Nachmittag kurz nach dem Zieleinlauf einen Anruf von seinem Bruder Paolo bekam, wurde er gleich mal zehn Zentimeter größer und kochte vor Wut. Paolo lebt in der Nähe von Würzburg und hat dort eine kleine Pizzeria. Und als der jelesen hatte – der versteht ja Deutsch – dass André seinen Bruder als kleinen dicken Italiener bezeichnet hatte, hat der gute Paolo gleich mal hier in Frankreich anjerufen.

Es ging nicht direkt los, nein. Etwa fünf Minuten lang murmelte Gianni etwas vor sich hin, Cazo, Stronzo, was weiß icke? Ick weeß das auch nur so jut, weil ick nicht weit weg saß und Mühe hatte, mich zu konzentrieren. Dann stand er plötzlich von seinem Platz auf, lief durch den haben Saal zu André und versuchte, ihn zur Rede zu stellen. Damit sie sich das besser vorstellen können: André ist ungefähr zwei Köpfe größer und könnte sich von der Breite drei Mal hinter Gianni verstecken.

„Io grosso?“ schrie Gianni seinen Kontrahenden ein paar Mal an. Der regte sich nicht und starrte unentwegt uff seenen Bildschirm, bis ooch ihm irjendwann der Kragen platze und er aufstand. Det war een Bild für die Götter, wie die beiden sich gegenüberstanden. Es dauerte nur ein paar Sekunden und schon hatten wir ein richtiges Handjemenge im Pressesaal. Es flogen Gegenstände, Tische und Stühle kippten um und Gianni wurde mit seinen Flüchen immer lauter.

Es brauchte janze sechs gestandene Männer, um die beiden wieder auseinander zu bekommen. Unter Ihnen war auch Claude, ein kleiner, sehr runder UCI-Kommissär aus Belgien, der sich nach dem Rennen lediglich am Pressebüffet etwas zu trinken holen wollte und daher nur zufällig anwesend war.

Das Fazit war gestern Abend noch gar nicht im vollen Ausmaß zu ziehen. Heute Morgen jedoch habe ick dann noch drei richtig dicke blaue Augen gezählt. Zwei davon hat André und das dritte Claude. Gianni hingegen hatte richtig ausjeteilt und ist erstmal von den Organisatoren für zwei Tage aus dem Pressezentrum verwiesen worden. Der arbeitet jetzt in seinem alten Lancia.

Ick hab mir jedenfalls schön aus allem rausjehalten. Ick bin doch nicht verrückt!

Alles andere war jestern völlige Nebensache.

Manné Mépris grüßt Deutschland!


Vier Musketiere bei der Tour! 



Vom 3. bis 25. Juli werden wir nicht nur viele Bilder aus Frankreich sehen, sondern auch jede Menge über die Tour de France in den Zeitungen lesen. Doch wer sind die Männer, die sich auf den französischen Landstraßen schreibenderweise aufopfern, von Stadt zu Stadt reisen, um uns Leser mit frischen und spannenden Geschichten zu füttern? Vier von ihnen werden exklusiv und abwechselnd auf muax.de Tagebuch führen und uns ihre Eindrücke vom größten Radrennen der Welt schildern: André Cellule, Jo Logique, Manné Mepris und André Château. Alle vier berichten unter anderem für vier große deutsche Tageszeitungen, die an dieser Stelle nicht genannt werden möchten. Überhaupt ist das Ganze ein bisschen heikel und deswegen sind alle oben genannten Personen frei erfunden und eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen rein zufällig und nicht beabsichtigt.