Special

„Pévenage avoue!“

Aus Montargis von Jo Logique

Mensch, war das gestern ein Tag! Da kann Château noch lange schleichen. Sie glauben gar nicht, wie geil mein Job sein kann. Wäre ich Radrennfahrer, könnte ich glatt von mir behaupten die Etappe gestern gewonnen zu haben, doch mein Rennen spielte sich fernab der Piste ab.

Schon vorgestern hatte ich richtig gute Laune, nachdem unser Rad-Star Jens Voigt sich mal richtig über die Kopfsteinpflaster-Etappe ausgelassen hatte. Mann, war der sauer! Als hätte er es schon vorher gewusst, packte er ein Zitat von 1910 (!) aus. Damals hatte Oscar Lapize den Organisatoren voller Abscheu zugerufen: „Ihr seid Mörder“. Wutentbrannt rief er, also Voigt, es ins ARD-Mikrofon und ich stand direkt daneben. Dann fiel aus seinem Mund auch noch das Wort dämlich. Perfekt, dachte ich: Mörder, dämlich, mehr brauche ich nicht für meine Story.

Doch was gestern geschah, erlebt man nicht alle Tage. Morgens um sechs klingelte mein Handy. Am anderen Ende der Leitung war ein französischer Kollege von der l'Equipe, den ich vor wenigen Tagen am Büffet kennengelernt habe, als ich mich verschluckt hatte – man muss nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein! Jedenfalls erzählte er mir, dass es heute Morgen in der Printausgabe eine brisante Geschichte zu Ullrich und Pévenage geben würde. Er wiederholte immer wieder: „Pévenage avoue!“



Ich schaute kurz auf die Uhr: 6:04 Uhr. Und dann wurde auch schon der Tiger in mir wach. Instinktiv packte ich mir den Hotel-Bademantel und meine Brieftasche und rannte wie fuchsteufelswild aus dem Hotel. Ich brauchte diese Zeitung als erster!

Ich rannte die Straßen rauf und runter, doch die Zeitungskioske in Épernay waren alle noch dicht. Ich blieb kurz stehen und überlegte: Ich musste zum Bahnhof. Ich wollte gerade losrennen, da sprach mich ein aufgeregt mit den Armen fuchtelnder Gendarm an, der mich wohl beobachtet hatte. Doch ich hatte nur diese Zeitung im Kopf und rannte einfach los. Er versuchte noch, mich festzuhalten doch alles, was er halten konnte, war der Bademantel.

So rannte ich – bis auf meine Brieftasche nackt - schneller als Ben Johnson zum Bahnhof. Gott sei Dank hatte der Zeitungskiosk bereits geöffnet und ich schnappte mir gleich zwei Zeitungen. Eine wegen der Meldung und eine andere, um auf dem Rückweg das nötigste zu verbergen.

Zurück im Hotel – es war inzwischen 6:28 Uhr – setzte ich mich gleich an meinen Laptop, riss die Zeitung auf und begann zu schreiben. Pévenage hatte ausführlich über Ullrich und der Verbindung zu Fuentes ausgepackt und ich war der erste – zumindest für Deutschland – der die Story hatte.

Später gewann dann noch Cavendish überraschend die Etappe vor unserem deutschen Rad-Star Gerald Ciolek. Das war insofern ärgerlich, als dass ich meinen Verriss über Ihn, den ich schon vorbereitet hatte, komplett umschreiben musste. Doch das ärgerte mich nach meinem Erfolg mit Ullrich nicht weiter.

Ciao
Jo

Vier Musketiere bei der Tour! 



Vom 3. bis 25. Juli werden wir nicht nur viele Bilder aus Frankreich sehen, sondern auch jede Menge über die Tour de France in den Zeitungen lesen. Doch wer sind die Männer, die sich auf den französischen Landstraßen schreibenderweise aufopfern, von Stadt zu Stadt reisen, um uns Leser mit frischen und spannenden Geschichten zu füttern? Vier von ihnen werden exklusiv und abwechselnd auf muax.de Tagebuch führen und uns ihre Eindrücke vom größten Radrennen der Welt schildern: André Cellule, Jo Logique, Manné Mepris und André Château. Alle vier berichten unter anderem für vier große deutsche Tageszeitungen, die an dieser Stelle nicht genannt werden möchten. Überhaupt ist das Ganze ein bisschen heikel und deswegen sind alle oben genannten Personen frei erfunden und eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen rein zufällig und nicht beabsichtigt.