Special

Der große Verlierer des Tages

Aus Épernay von André Cellule

Endlich einmal eine ruhige Etappe! Das ist ja unglaublich, was da die letzten Tage los war. Normalerweise nutzen wir Journalisten die erste Tourwoche wie die Fahrer auch: nämlich um uns einzurollen, um anzukommen sozusagen. Aber diesmal war es ja eher ein Einrasen. Was ich in den vergangenen vier Tagen an Meldungen rausgehauen habe, schaffe ich sonst in einem ganzen Monat nicht.

Auch wenn ich anfangs von dieser Aktion mit dem Tagebuch nicht so begeistert war, so habe ich doch die Einträge meiner Kollegen mit großem Interesse verfolgt und vor allem meinen Spaß damit gehabt. Logique und Château streiten sich jetzt darum, wer die Nummer eins ist und geben sich im Pressezentrum neuerdings sehr beschäftigt. Sie sprechen ja für gewöhnlich eh’ nicht viel miteinander, aber im Moment herrscht das große Schweigen zwischen den Beiden. Auch die Vorstellung, wie Manné Mépris mit seinem Polo über die Strecke rast, finde ich äußerst amüsant.

Einzig meine Geschichte mit dem Fisch hätte ich vielleicht besser für mich behalten, hatte ich doch nicht damit gerechnet, dass das halbe Pressezentrum hier mitliest. Jedenfalls haben sich die Kollegen am Tag danach ganz etwas Besonders für mich einfallen lassen.

Als ich am frühen Montagnachmittag ins Pressezentrum kam, standen draußen vor der Tür ein Tisch und ein Stuhl. Darüber ragte ein großes Pappschild in Fischform ausgeschnitten mit der unübersehbaren Aufschrift: Réservé pour André „Anguille“ Cellule! Anguille heißt wohl soviel wie Aal, sehr witzig!



Als ich den Raum betrat, hielten sich alle demonstrativ die Nase zu. Ich fand das natürlich ziemlich peinlich, wollte mir das aber um keinen Preis anmerken lassen. Also stieg ich wieder auf den erstbesten Stuhl krempelte mir dabei demonstrativ die Ärmel hoch und rief mit fester Stimme: „Sagt mal Kollegen, geht das jetzt hier die ganze Zeit so weiter?“

Jedenfalls war erstmal Ruhe im Pressezentrum, bis auf einen Kollegen aus Italien, der immer wieder rief: „Kollege - so weita?“ Dabei bemühte er sich um einen autoritären Gesichtsausdruck, um sich anschließend vor Lachen den Bauch zu halten. Das ging eine halbe Stunde so.

Ich sagte ja bereits, die Kollegen können ganz schön fies sein, aber ich werde mir in den kommenden Tagen etwas ganz Besonderes für den kleinen dicken Italiener überlegen. Vermutlich hat er die ganze Aktion angezettelt und das werde ich nicht einfach so auf mir sitzen lassen.

Später gab’s dann doch noch richtig viel Arbeit. Auch wenn der Etappenverlauf gestern nicht so aufregend war - die große Nummer war nicht Petacchi, sondern Cavendish. Prinzipiell kann einem der Junge ja nur leid tun, aber darauf kann ich leider keine Rücksicht nehmen, da muss der durch.

So habe ich ihn gleich mal zum großen Verlierer des Tages „geschrieben“. Klingt hart, ist aber im Vergleich zu manch anderen Kollegen noch harmlos, glauben Sie mir. Und gut ist es, denn jetzt kann ich die ganz dicke Keule auspacken und schön etwas zum Columbia Nominierungs-Drama Cavendish/Greipel machen. Das bringt garantiert Quote, jetzt, wo der Fußball nicht mehr so im Vordergrund steht.

Was auch immer gut läuft bei der Tour ist der Generalverdacht. Da kam mir ein Artikel aus der Sportbild sehr gelegen wo ich aus dem Thema noch etwas Schönes machen konnte: „Martin und Gerdemann wehren sich gegen Generalverdacht“.

Unter uns: Der Gerdemann steht doch nicht mehr unter Generalverdacht als meine Großmutter, aber schön, wie er immer wieder darauf anspringt. Der steht sogar so wenig unter Generalverdacht, dass sich niemand gefunden hat, der ihn 24 Stunden am Tag überwacht, wie er es zuvor angeboten hatte.

Überhaupt glaube ich, dass er diese ganze Aktion nur initiiert hatte, um bei der Tour ein Einzelzimmer zu bekommen.

So, ich muss hier mal weitermachen. Melde mich wieder in vier Tagen.

A bientôt,
votre André

Vier Musketiere bei der Tour! 



Vom 3. bis 25. Juli werden wir nicht nur viele Bilder aus Frankreich sehen, sondern auch jede Menge über die Tour de France in den Zeitungen lesen. Doch wer sind die Männer, die sich auf den französischen Landstraßen schreibenderweise aufopfern, von Stadt zu Stadt reisen, um uns Leser mit frischen und spannenden Geschichten zu füttern? Vier von ihnen werden exklusiv und abwechselnd auf muax.de Tagebuch führen und uns ihre Eindrücke vom größten Radrennen der Welt schildern: André Cellule, Jo Logique, Manné Mepris und André Château. Alle vier berichten unter anderem für vier große deutsche Tageszeitungen, die an dieser Stelle nicht genannt werden möchten. Überhaupt ist das Ganze ein bisschen heikel und deswegen sind alle oben genannten Personen frei erfunden und eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen rein zufällig und nicht beabsichtigt.