Special

Immer steht am Ende die Pleite

Aus Cambrai von André Château

Pssst... Hey Sie... ja, genau, Sie! Ich bin André Château, aber bitte, sagen Sie es niemandem weiter! Nicht, dass ich aus meinem Namen ein Geheimnis mache, aber ich arbeite meist verdeckt, UNDERCOVER sozusagen. Was Logique neulich schrieb, er sei die Nummer eins im Geschäft und so, ist völliger Quatsch. Die Topgun bin unbestritten ich – und noch dazu eine Edelfeder. Dazu geht es mir gar nicht so sehr um den Radsport an sich. Vielmehr habe ich mir auf die Fahnen geschrieben, in diesem korrupten Haufen mal richtig aufzuräumen.

Das gefällt vielen natürlich nicht, aber ich habe mir im Laufe der Jahre einen Namen gemacht mit unzähligen Schlagzeilen und Hintergrundberichten zum Thema Doping im Radsport. Was ich über die Strukturen und Machenschaften in der Szene weiß, reicht um den ganzen Laden ein für alle mal dicht zu machen. Allerdings muss ich damit sehr vorsichtig umgehen, denn würde ich es an die Öffentlichkeit bringen, ohne es zweifelsfrei belegen zu können, würde mich ein Klagewelle überrollen und ich wäre wohl ziemlich schnell pleite. Und wäre andererseits der korrupte Laden tatsächlich dicht, hätte ich keine Arbeit mehr und wäre ebenfalls beruflich am Ende. Egal, wie ich es drehe und wende, immer steht am Ende die Pleite. Ein echtes Dilemma!



Deshalb muss ich sehr behutsam mit meinen Informationen umgehen. Das Ganze hat auch dazu geführt, dass ich nicht mehr viele Freunde im Radsport habe, aber das stört mich nicht im geringsten. Wer möchte schon mit diesen Banditen befreundet sein?





Meine Spezialität ist das Schleichen, das Umherschleichen, um es ganz genau zu sagen. Viele Leute haben Angst vor mir, ja, hassen mich sogar. Deswegen ist es meist schwierig, direkt mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Deshalb schleiche ich meist Stunden lang zwischen den Menschen umher und versuche so an wertvolle Informationen zu kommen. Einen Gesprächsbrocken hier, eine kurze Äußerung da, einen unkontrollierten Aufruf dort - schon ergibt sich ein zusammenhängendes Bild. Sie glauben gar nicht, wie gut das funktioniert. 



Doch jetzt schleiche ich bei der Tour schon seit vier Tagen rum, bei diesem Auftritt der alten Männer, und doch konnte ich mir noch keinen rechten Reim darauf machen, was hier faul sein könnte. Sicher, an manchen Tagen sieht man es Ihnen in den Augen an, dass etwas faul ist. Ach, eigentlich ist hier alles faul!



Überlegen Sie doch mal selbst. Wie kann ein Lance Armstrong in seinem Alter noch eine Tour de France so erfolgreich bestreiten, wenn mir nach zwei Stunden schleichen schon die Beine weh tun. Das stinkt doch zum Himmel.

Auch bin ich sehr gespannt auf Alberto Contador und seinen ersten Etappensieg, der zweifelsohne nicht ausbleiben wird. Werden wir wieder diese Pistolero-Geste von ihm sehen? Ich bin ja im Laufe der Jahre erst durch diesen komischen Gruß darauf gekommen, dass es ein Indiz dafür sein könnte, dass er in illegale Waffengeschäfte verwickelt ist.



Und die Schleck Brüder! Die fahren doch nur zu zweit Rad – na gut, seit gestern nicht mehr -, damit immer mindestens einer von ihnen vor der Apotheke Schmiere stehen kann. 



Im Grunde könnte es mir ja egal sein, sollen sie doch machen, was sie wollen. Aber das ist es nicht. Ich werde Sie alle kriegen und dann werde ich sie fertig machen. Und wenn ich sie nicht kriege, warte ich einfach, bis sie wie die Fliegen vom Rad fallen. Die Organisatoren der großen Rundfahrten spielen mir mit ihren Harakiri-Etappen ja direkt in die Hände.



Na ja, warten wir es ab. Bisher konnte ich wie gesagt noch an keinem kratzen bei dieser Tour. Wenn es morgen nicht besser wird, packe ich meine Geheimwaffe aus. Ich besitze eine Ray-Ban mit den größten und dunkelsten Gläsern. Wenn ich die beim Schleichen aufsetze, sehe ich zwar so gut wie nichts mehr, aber das ist genau der Trick. Wie bei einem blinden Menschen konzentriert sich das Gehirn dann mehr auf das Hören. Dann entgeht mir garantiert nichts mehr. Einziger Nachteil: Wegen der eingeschränkten Sicht kann ich das Gehörte im Zweifel niemandem konkret zuordnen.



In einem Punkt muss ich meinem Kollegen Logique allerdings Recht geben. Das mit dem nachts wach liegen kenne ich auch. Oftmals kann ich nicht einschlafen, in meinem Kopf dreht sich alles und ich sehe überall Mülleimer mit gebrauchten Spritzen, Spanier, Zentrifugen, Blutbanken und verschwommene Gesichter von Rennfahrern, die hämisch über mich lachen. Dagegen hilft vor dem Schlafengehen nur Weißbier, viel Weißbier. Blöd nur, dass es das hier in Frankreich nicht gibt!


Wen sollte ich hier grüßen?

André


Vier Musketiere bei der Tour!



Vom 3. bis 25. Juli werden wir nicht nur viele Bilder aus Frankreich sehen, sondern auch jede Menge über die Tour de France in den Zeitungen lesen. Doch wer sind die Männer, die sich auf den französischen Landstraßen schreibenderweise aufopfern, von Stadt zu Stadt reisen, um uns Leser mit frischen und spannenden Geschichten zu füttern? Vier von ihnen werden exklusiv und abwechselnd auf muax.de Tagebuch führen und uns ihre Eindrücke vom größten Radrennen der Welt schildern: André Cellule, Jo Logique, Manné Mepris und André Château. Alle vier berichten unter anderem für vier große deutsche Tageszeitungen, die an dieser Stelle nicht genannt werden möchten. Überhaupt ist das Ganze ein bisschen heikel und deswegen sind alle oben genannten Personen frei erfunden und eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen rein zufällig und nicht beabsichtigt.