Special

Ein Peloton in Fetzen

Aus Brüssel von Jo Logique

Hallo, ich bin Jo, aber mein Name tut hier nichts zur Sache. Vergessen Sie alles, was meine Kollegen hier schreiben. Wichtig ist nur, dass Sie meine Texte lesen. Denn ich bin die Nummer eins im Geschäft. Und dieses Geschäft ist ganz schön hart, um nicht zu sagen: Es ist der Hammer!

Leider werde ich von vielen Leuten in der Szene verkannt, denn im Grunde ist es mein Bestreben, den Fahrern – gerade den Deutschen – zu helfen. Boulevard ist daher weit unter meinem Niveau. Abgesehen davon kann ich es ja auch nicht ändern, wenn mir manche Fahrer ins offene Messer laufen mit ihren Dummheiten.

Glauben Sie mir: Von uns Vieren habe ich hier den härtesten Job. Klar, meine Texte sind oftmals die kürzesten, aber genau das ist der Punkt. Wofür meine Kollegen richtig viel Platz haben, muss ich in wenigen Sätzen knackig verpacken. Da kann es schon mal passieren, dass etwas aus dem Zusammenhang gerissen wird. Aber das ist keine Absicht.



Die gestrige Etappe war ganz nach meinem Geschmack, vor allem aber nach dem meines Chefs. Zunächst dachte ich, es würde wieder eine dieser langweiligen Bummeletappen, wie wir sie schon so oft zu beginn einer jeden Tour erlebt haben. Drei Ausreißer werden wenige Kilometer vor dem Ziel gestellt und die Sprinter machen die Sache unter sich aus. Ich hatte sogar schon meine Zeilen vorbereitet, um auch noch Zeit für einen kleinen Abstecher ans Presse-Büffet zu haben:

Zeile 1: Cavendish rollt sie alle nieder!
Zeile 2 (alternativ): Cavendish von allen niedergerollt!

Doch was ich dann auf dem Monitor sah, sorgte glatt dafür, dass ich mich am Büffet verschluckte und erst wieder Luft bekam, nachdem mir ein französischer Kollege ein paar Mal kräftig auf den Rücken geklopft hatte. Ich rieb mir kurz die Augen, wartete auf eine Wiederholung und wusste genau: Jo, die erste Etappe kannst du richtig zerlegen.

Doch das Wichtigste ist immer die Überschrift. Gerade für unsere Leser. Beim Titeln kann ich gerade nach solch einer Etappe zur Hochform auflaufen:

Tour-Massaker in Brüssel – Das Blut schwimmt auf der Straße – Petacchi gewinnt den Sprinterkrieg – Gefallene Helden der Landstraße – Ein Peloton in Fetzen...

Verstehen Sie, was ich meine? Da muss Schmackes drin sein. Explosivität sozusagen. Deswegen habe ich die halbe Nacht kein Auge zugemacht. Wenn die Deadline von der Redaktion kommt, muss ich meine Zeile abschicken, aber oftmals liege ich nachts wach und überlege bis in die frühen Morgenstunden, ob es nicht noch eine bessere gegeben hätte. Ich sagte ja bereits: Es ist der Hammer!

Ciao
Jo

In den kommenden drei Wochen werden wir nicht nur viele Bilder aus Frankreich sehen, sondern auch jede Menge über die Tour de France in den Zeitungen lesen. Doch wer sind die Männer, die sich auf den französischen Landstraßen schreibenderweise aufopfern, von Stadt zu Stadt reisen, um uns Leser mit frischen und spannenden Geschichten zu füttern? Vier von ihnen werden exklusiv und abwechselnd auf muax.de Tagebuch führen und uns ihre Eindrücke vom größten Radrennen der Welt schildern: André Cellule, Jo Logique, Manné Mepris und André Château. Alle vier berichten unter anderem für vier große deutsche Tageszeitungen, die an dieser Stelle nicht genannt werden möchten. Überhaupt ist das Ganze ein bisschen heikel und deswegen sind alle oben genannten Personen frei erfunden und eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen rein zufällig und nicht beabsichtigt.