„Pévenage avoue!“

Aus Montargis von Jo Logique

Mensch, war das gestern ein Tag! Da kann Château noch lange schleichen. Sie glauben gar nicht, wie geil mein Job sein kann. Wäre ich Radrennfahrer, könnte ich glatt von mir behaupten die Etappe gestern gewonnen zu haben, doch mein Rennen spielte sich fernab der Piste ab.

Schon vorgestern hatte ich richtig gute Laune, nachdem unser Rad-Star Jens Voigt sich mal richtig über die Kopfsteinpflaster-Etappe ausgelassen hatte. Mann, war der sauer! Als hätte er es schon vorher gewusst, packte er ein Zitat von 1910 (!) aus. Damals hatte Oscar Lapize den Organisatoren voller Abscheu zugerufen: „Ihr seid Mörder“. Wutentbrannt rief er, also Voigt, es ins ARD-Mikrofon und ich stand direkt daneben. Dann fiel aus seinem Mund auch noch das Wort dämlich. Perfekt, dachte ich: Mörder, dämlich, mehr brauche ich nicht für meine Story.

Doch was gestern geschah, erlebt man nicht alle Tage. Morgens um sechs klingelte mein Handy. Am anderen Ende der Leitung war ein französischer Kollege von der l'Equipe, den ich vor wenigen Tagen am Büffet kennengelernt habe, als ich mich verschluckt hatte – man muss nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein! Jedenfalls erzählte er mir, dass es heute Morgen in der Printausgabe eine brisante Geschichte zu Ullrich und Pévenage geben würde. Er wiederholte immer wieder: „Pévenage avoue!“

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Der große Verlierer des Tages

Aus Épernay von André Cellule

Endlich einmal eine ruhige Etappe! Das ist ja unglaublich, was da die letzten Tage los war. Normalerweise nutzen wir Journalisten die erste Tourwoche wie die Fahrer auch: nämlich um uns einzurollen, um anzukommen sozusagen. Aber diesmal war es ja eher ein Einrasen. Was ich in den vergangenen vier Tagen an Meldungen rausgehauen habe, schaffe ich sonst in einem ganzen Monat nicht.

Auch wenn ich anfangs von dieser Aktion mit dem Tagebuch nicht so begeistert war, so habe ich doch die Einträge meiner Kollegen mit großem Interesse verfolgt und vor allem meinen Spaß damit gehabt. Logique und Château streiten sich jetzt darum, wer die Nummer eins ist und geben sich im Pressezentrum neuerdings sehr beschäftigt. Sie sprechen ja für gewöhnlich eh’ nicht viel miteinander, aber im Moment herrscht das große Schweigen zwischen den Beiden. Auch die Vorstellung, wie Manné Mépris mit seinem Polo über die Strecke rast, finde ich äußerst amüsant.

Einzig meine Geschichte mit dem Fisch hätte ich vielleicht besser für mich behalten, hatte ich doch nicht damit gerechnet, dass das halbe Pressezentrum hier mitliest. Jedenfalls haben sich die Kollegen am Tag danach ganz etwas Besonders für mich einfallen lassen.

Als ich am frühen Montagnachmittag ins Pressezentrum kam, standen draußen vor der Tür ein Tisch und ein Stuhl. Darüber ragte ein großes Pappschild in Fischform ausgeschnitten mit der unübersehbaren Aufschrift: Réservé pour André „Anguille“ Cellule! Anguille heißt wohl soviel wie Aal, sehr witzig!

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Immer steht am Ende die Pleite

Aus Cambrai von André Château

Pssst... Hey Sie... ja, genau, Sie! Ich bin André Château, aber bitte, sagen Sie es niemandem weiter! Nicht, dass ich aus meinem Namen ein Geheimnis mache, aber ich arbeite meist verdeckt, UNDERCOVER sozusagen. Was Logique neulich schrieb, er sei die Nummer eins im Geschäft und so, ist völliger Quatsch. Die Topgun bin unbestritten ich – und noch dazu eine Edelfeder. Dazu geht es mir gar nicht so sehr um den Radsport an sich. Vielmehr habe ich mir auf die Fahnen geschrieben, in diesem korrupten Haufen mal richtig aufzuräumen.

Das gefällt vielen natürlich nicht, aber ich habe mir im Laufe der Jahre einen Namen gemacht mit unzähligen Schlagzeilen und Hintergrundberichten zum Thema Doping im Radsport. Was ich über die Strukturen und Machenschaften in der Szene weiß, reicht um den ganzen Laden ein für alle mal dicht zu machen. Allerdings muss ich damit sehr vorsichtig umgehen, denn würde ich es an die Öffentlichkeit bringen, ohne es zweifelsfrei belegen zu können, würde mich ein Klagewelle überrollen und ich wäre wohl ziemlich schnell pleite. Und wäre andererseits der korrupte Laden tatsächlich dicht, hätte ich keine Arbeit mehr und wäre ebenfalls beruflich am Ende. Egal, wie ich es drehe und wende, immer steht am Ende die Pleite. Ein echtes Dilemma!



Deshalb muss ich sehr behutsam mit meinen Informationen umgehen. Das Ganze hat auch dazu geführt, dass ich nicht mehr viele Freunde im Radsport habe, aber das stört mich nicht im geringsten. Wer möchte schon mit diesen Banditen befreundet sein?



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Wer schreibt, der bleibt

Aus Spa von Manné Mépris

Tachchen, ick bin Manné, der Dritte im Bunde derer, die exklusiv von der Tour berichten. Der Muax ist ein feiner Kerl, dass er mich gefragt hat, ob ich mitmache. Klar mache ich mit! Uns Journalisten kennt ja fast keener. Alle Leute lesen unsere Texte, aber was wir hier tagtäglich bei der Tour mitmachen, det bekommt niemand so richtig mit.

Also bei mir läuft det Janze so ab: Ich bin nicht fest an eine Zeitung jebunden, sondern eher so eine Art Nachrichten-Verkäufer. Dazu braucht man jute Kontakte zu beiden Seiten, also zu den Fahrern und zu den Redaktionen. Ick bin auch schon lange jenuch im Jeschäft, um zu wissen, wie der Hase läuft. Ick werde also mehr oder wenijer pro Meldung bezahlt, die ick verkoofen kann. Da muss man ganz schön die Augen offen halten und benötigt auch hin und wieder mal eine gehörige Portion Fantasie.

Den Stoff für meine Meldungen liefern die Ritter der Landstraße und da ist eine Etappe wie die von jestern ein jefundenes Fressen. Da kann man noch ne schnelle Mark machen, wa?

Aber von vorne: Zum Etappenstart hab ich mich mal unters Volk jemischt und mir einfach ein paar Einschätzungen von den deutschen Fahrern geholt. Das schreibe ick mir alles auf meinen kleinen Block auf. Ick hatte zwar ma ein Diktierjerät, aber da hab ick immer die falschen Knöpfe jedrückt. Ick bin halt eher alte Schule und wer schreibt, der bleibt.

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Ein Peloton in Fetzen

Aus Brüssel von Jo Logique

Hallo, ich bin Jo, aber mein Name tut hier nichts zur Sache. Vergessen Sie alles, was meine Kollegen hier schreiben. Wichtig ist nur, dass Sie meine Texte lesen. Denn ich bin die Nummer eins im Geschäft. Und dieses Geschäft ist ganz schön hart, um nicht zu sagen: Es ist der Hammer!

Leider werde ich von vielen Leuten in der Szene verkannt, denn im Grunde ist es mein Bestreben, den Fahrern – gerade den Deutschen – zu helfen. Boulevard ist daher weit unter meinem Niveau. Abgesehen davon kann ich es ja auch nicht ändern, wenn mir manche Fahrer ins offene Messer laufen mit ihren Dummheiten.

Glauben Sie mir: Von uns Vieren habe ich hier den härtesten Job. Klar, meine Texte sind oftmals die kürzesten, aber genau das ist der Punkt. Wofür meine Kollegen richtig viel Platz haben, muss ich in wenigen Sätzen knackig verpacken. Da kann es schon mal passieren, dass etwas aus dem Zusammenhang gerissen wird. Aber das ist keine Absicht.

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Vier Musketiere bei der Tour!

In den kommenden drei Wochen werden wir nicht nur viele Bilder aus Frankreich sehen, sondern auch jede Menge über die Tour de France in den Zeitungen lesen. Doch wer sind die Männer, die sich auf den französischen Landstraßen schreibenderweise aufopfern, von Stadt zu Stadt reisen, um uns Leser mit frischen und spannenden Geschichten zu füttern?

Vier von ihnen werden exklusiv und abwechselnd auf muax.de Tagebuch führen und uns ihre Eindrücke vom größten Radrennen der Welt schildern: André Cellule, Jo Logique, Manné Mepris und André Château.

Alle vier berichten unter anderem für vier große deutsche Tageszeitungen, die an dieser Stelle nicht genannt werden möchten. Überhaupt ist das Ganze ein bisschen heikel und deswegen sind alle oben genannten Personen frei erfunden und eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Hallo liebe Leser,



ich bin André Celulle und mache den Anfang. André Celulle ist natürlich nicht mein richtiger Name, aber gerade im Radsport muss man heute sehr vorsichtig sein. Der Beruf des Radsportjournalisten kommt ja mittlerweile fast dem eines Geheimdienstmitarbeiters gleich. Ein schmaler Grat zwischen Agent und Doppelagent. 



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