Special

John's Tourtagebuch #13

Hallo Fans!

Mannomann, was für eine Etappe heute. Und das an einem Tag, an dem normalerweise Ruhetag sein sollte. Schließlich hat sich mein Körper schon im letzten Jahr an diesen Rhythmus gewöhnt und ich merke, dass das bei mir immer noch voll drinsteckt: Montag Ruhetag!

Na ja, der 14. Juli, französischer Nationalfeiertag, hat uns halt einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht, und geruht wird erst morgen. Aber muss man dann auch noch so eine schwere Etappe einbauen? Leute, ich sage Euch, es gibt Tage, da würde man sich auch als Tourstarter die Etappe lieber vor dem Ferhseher anschauen.

Das sind die Tage, an denen mir auch die Zuschauer an der Strecke ein bisschen auf den Sack gehen. Stehen da rum, grillen Würstchen und schreien uns mit ihren dicken Bäuchen an. Versteht mich jetzt bitte nicht falsch, prinzipiell finde ich viele Zuschauer beim Rennen den absoluten Wahnsinn, aber heute eben nicht.



Jedenfalls habe ich mich relativ früh ins Gruppetto zurückfallen lassen, aber glaubt ja nicht, dass wir uns da heute schonen konnten. Mit der Gruppe, die vorne raus war, schien es zwar ein halbwegs ruhiger Tag zu werden, doch als dann Tony Martin mit seinem Polen rausgefahren ist, könnt Ihr Euch sicher vorstellen, dass auch wir hinten am Horn ziehen mussten, um in der Zeit zu bleiben.

Ich habe Tony den Tag gestern ja echt gegönnt, aber was diese Aktion heute sollte, habe ich nicht so recht verstanden. Natürlich muss mann auch einmal etwas riskieren, doch ein anderes Problem war auch, dass durch diese Gruppe das Kameramotorrad aus dem Grupetto abgezogen wurde. Als hätte Tony gestern nicht schon genug Aufmerksamkeit bekommen, fehlen mir heute schon wieder wertvolle TV-Minuten, um meine DEGE-Mütze zu promoten.

Als ich hörte, dass Tony vorne explodiert war, hoffte ich, er würde bald bei uns auftauchen, damit ich ihm mal die Meinung geigen und meine DEGE-Mütze zurückverlangen kann, die ich ihm heute Morgen geschenkt hatte. Aber nein, er konnte sich rund 15 Minuten vor uns halten. Ich habe auch am letzten Berg noch versucht, zu ihm nach vorne zu fahren. Doch der war echt noch steiler, als ich dachte. Zu allem Überfluss war er auch noch in einer kleinen Gruppe mit Canci, wie ich eben erfuhr. Uuuaaaaaahhhhhhhhhh!

Jedenfalls habe ich nach dem Rennen direkt Frauke* angerufen, weil ich erstmal jemand zum Reden brauchte. Das hat mich auch schnell wieder beruhigt, denn sie meinte, dass morgen am Ruhetag ja bestimmt einige Pressekonferenzen stattfinden und ich mir da die TV-Minuten zurückholen kann.

Wie Ihr seht, sind bei der Tour TV-Minuten manchmal sogar wichtiger als Renn-Minuten. Die Tour hat halt ihre ganz eigenen Gesetze.

Bis bald,
Euer DEGE

*Name geändert – ist aber der Redaktion bekannt.

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Kurz vor der 101. Tour de France hat Enrico Muax bei der VHS noch einmal einen Schnellkurs in Telepathie belegt und möchte sein aufgefrischtes Wissen nun dazu nutzen, seinen Lesern täglich exklusiv die Gedanken von John Degenkolb aufzuschreiben, die er in langen nächtlichen Séancen auf seinem Balkon einfängt (oder einzufangen glaubt).